Berichte von 03/2019

Nach dem Regen kommt die Sonne

Freitag, 15.03.2019

Liebe Familie, liebe Freunde, liebe stille Mitleser,

nachdem die Rufe nach einem neuen Blogeintrag immer lauter wurden, nehme ich mir heute Abend die Zeit, Eurem Wunsch nachzukommen.

Es sind ein paar Wochen vergangen seit meinem letzten Update und es ist so wahnsinnig viel passiert, hauptsächlich Gutes und Schönes, dass ich einfach keine Zeit gefunden habe, alles nieder zu schreiben. Aber here we go:

Mein engster Freundeskreis und meine Familie haben die guten Neuigkeiten schon gehört. Aber hier noch einmal für alle: Eigentlich wollte ich ja ausziehen und die Wohnung verlassen, aber Mandy war schneller. Für mich ist diese Lösung absolut in Ordnung so, daher habe ich mich nicht gewehrt. Ich wohne jetzt allein in der Wohnung und was soll ich sagen, es ist fabelhaft. Ordnung, Sauberkeit, Frieden und ich habe jetzt so viel Zeit für schönere und wichtigere Dinge als Aufräumen und Putzen. 

Was mich auch schon zu den vergangenen Wochen führt. Ich habe in Varna inzwischen einen großartigen und bunten Freundeskreis. Da wären Nikoletta (Niko) die Griechin von Zypern; Nisa die Türkin; Sarah die chinesisch-algerische Britin aus London, Sung Joon (Jooni) der Südkoreaner und Georg aus meiner Heimat (krasser Zufall). Und meine ganze Group 11, die so herrlich bekloppt ist, ist mir inzwischen auch so sehr ans Herz gewachsen. Love is in the air.

Natürlich vermisse ich Deutschland sehr, denn es ist einfach mein Zuhause. Aber die Abenteuer, die ich hier in Bulgarien erlebe, würde ich in Deutschland nie erleben. Hier passieren einfach Dinge, die in Deutschland niemals so passieren würden. Meine liebsten Beispiele einmal hier zum Schmunzeln:

1. Hier braucht man eine Chipkarte, um die Bibliothek zu betreten. Allerdings ist das Drehkreuz in der Pharmazeutischen Bib fast einen Meter von der Wand entfernt, sodass man einfach dran vorbeigehen kann. You had ONE JOB!!! :D

2. Die Ampelübergänge sind mit Pfeilen gekennzeichnet, die mit "hier gehen" beschriftet sind, weil Bulgaren einen Scheiß auf Regeln und Gesetze geben und einfach überall über die Straße laufen. Zitat meines Assistenzprofs in Biology: "This is Bulgaria. We don't like rules. Noone cares." Welcome to Bulgaria!

3. Vor einer Woche haben wir die Retakes (Wiederholungsklausuren) für Osteology und Arthrology gehabt... oder hätten sie haben sollen. Pünktlich um 15.30 Uhr waren alle Studenten versammelt und warteten auf den Prüfer. Nach einer halben Stunde Wartezeit kam dann heraus, dass das Department of Anatomy schon im Wochenende war. Das Wetter war aber auch saugeil! :D Die Prüfung hatte ich dann heute, eine Woche später. Und ich habe ganze 29 von 30 Punkten gemacht. Eigentlich wären es sogar 30 gewesen, aber ich habe eine Antwort noch geändert. Shit happens. Hab mich selten so geärgert. Aber ich bin auch ganz schön stolz. Es geht bergauf!

Und so oder so ähnlich läuft es hier immer. This is Bulgaria. Noone gives a damn :D

Übrigens, wenn Ihr mich besuchen kommen wollt, könnt ihr das gern machen. Aber bitte gebt mir rechtzeitig Bescheid. Ich habe schon diverse Anfragen und müsste das halt auch koordinieren. Die Flüge von HH werden ab Mai wieder günstiger. Ansonsten schaut mal an anderen Flughäfen, wie Bochum und Einthoven.

Letztes Wochenende habe ich mir zwei Piercings in die Ohren stechen lassen. Es war schmerzhaft, aber ich liebe sie. Ich habe zwei  Jahre darüber nachgedacht und hatte nie den Mut dazu. Aber im Moment habe ich so viel Energie, solche Lebenslust und das Gefühl von alles ist möglich, dass ich mal einen Dämpfer brauchte. Nein, Spaß! :D Ich habe mir gedacht, dass ich niemandes Meinung dazu brauche. Also habe ich es einfach gemacht. Und es sieht oberaffentittengeil (wie die Omi sagen würde) aus. kiss

Ich fühle mich nicht mehr unsichtbar und bedeutungslos. Niemand hält mich mehr zurück und an kurzen Leinen. Das Leuchten, das ich verloren hatte, habe ich zurück. Ich bin wieder da. In voller Größe und Stärke. Und das lasse ich mir nie mehr nehmen. 

Ich schätze mein Ex B. hatte Recht. Ich verdiene besseres und ich verdiene alles Glück der Welt. Und ja, er hat mich runtergezogen, aber ich habe es zugelassen. Danke B., dass du mich losgelassen hast. Denn ich hätte deine Hand nie losgelassen. Nur so habe ich gelernt, zu fliegen. Du warst das Beste, was mir je passieren konnte. Danke für alles. Du fehlst mir jeden Tag. Aber ich komme klar. Wie immer. Ich schätze manche Menschen vermisst man einfach für immer. Man lernt, damit zu leben. 

Was ist noch so passiert? 

WIr haben viel Zeit am Strand verbracht, da es schon recht sommerlich war zwischendurch. Der deutsche Sommer beginnt in Bulgarien anscheinend im März :D Das Schwarze Meer ist wunderschön. Es ist garnicht schwarz, sondern türkis und blau. Der Sand ist fein und weiß. Die Luft erinnert mich an Kiel, mein Herz. Wer hätte gedacht, dass ich mich ausgerechnet in Bulgarien wiederfinde? Wie das Leben so spielt.

Wir waren auch endlich mal feiern in Varna. Das war einfach legen... wait for it... dary. Legendary! Ich habe die ganze Nacht getanzt und Komplimente kassiert :D ..Die ganzen jungen Hüpfer ausgestochen. Macht Platz, hier kommt Mutti tongue-out Wenn ihr mich besuchen kommt, gehen wir auch auf die Piste ;D

Und wir sind einen Tag ins Aqua House gefahren. Das ist ein Spa, wo man auch draußen schwimmen kann. Das war einfach herrlich. Ich bin ja so schon eine Wasserratte, aber mit warmem Wasser, unter freiem Himmel, am Strand hast du keine Chance, mich wieder aus dem Wasser zu kriegen. Ich habe mehr getobt als irgendeines der Kinder dort. 

Und wir waren beim Karaoke. Der Abend wurde von bulgarischen Studenten organisiert und es gab von englischsprachigen, über chinesische und koreanische bis hin zu deutsche Songs alles. Natürlich musste Jooni, der aus Seoul, genauer dem Stadtteil Gangnam, kommt, Opah Gangnamstyle singen. Da ist die Party explodiert, sag ich euch! Leider war ich erkältet, was ich immer noch bin. Seit über 2 Monaten nun... also gab es für mich kein High-School Musical :(  Dafür hat Likitha den neuen Song von Lady Gaga und Bradley Cooper gesungen. Und es war einfach WOW! Die Frau hat eine wahnsinns Stimme. 

Dann waren wir noch in einem Fischrestaurant am Strand und wurden etwas experimentierfreudig. Nein stimmt nicht. Ich wurde experimentierfreudig, da meine Begleitung Sarah und Jooni waren (beide Asiaten). Ich habe frittierte Sprotten mit Kopf gegessen. Und Shrimps mit Kopf und Panzer. Und dann hatten wir noch Muschelsalat, Weinblätter mit Reisfüllung, Gegrillte Forelle, gegrillte Makrele und irgendeinen anderen Fisch. Dazu normale Pommes und Pommes mit Käse. Und bulgarischen Cidre und hot chocolate. Wir sind fast geplatzt und waren gut angetrunken. Die Reste haben wir für die Straßenkatzen mitgenommen. Für alles zusammen haben wir knapp 50 leva gezahlt. Das entspricht in etwa 26€... für einen gaanzen Tisch voll Essen. Crazy... und Live-MusiK gab es auch. Ein königlicher Abend quasi.

Außerdem habe ich gerade rosa und lila Haare. Mir war einfach danach. und jeder, der es persönlich gesehen hat, findet es super. Niko sagt, ich sollte das permanent so färben, aber ich mag blond lieber. Es macht aber Spaß, auch mal anders auszusehen. 

Mehr fällt mir gerade nicht ein. Ich versuche, die nächste Zeit wieder häufiger zu bloggen. Sorry nochmal.

Im April werde ich für ein paar Tage nach Istanbul reisen mit Nisa. Wie cool ist das bitte?! Die Türkei kostet nur ein sechstel von deutschen Preisen. Das ist sogar noch günstiger als Bulgarien (hier kostet alles in etwa die Hälfte). Istanbul ist hier um die Ecke und man kann einfach mit dem Bus rüberfahren. Ich freue mich riesig darauf. Bald besuche ich auch noch Sarah, Niko und Jooni und Nisa in ihrer Heimatstadt. Leute, ich sehe die Welt :D

Und hier noch ein bisschen Gekritzel:

Ich stehe in einer dunklen dichten Wolke, in Nebel, in Rauch. Ich kann kaum atmen. Jeder tiefe Atemzug bringt mich zum Husten. Hinter mir höre ich Rufe und ich spüre einen vertrauten Blick auf mir ruhen. Ich kann nicht vor und nicht zurück. Ich halte schwere Eisenketten, die mich fast in die Knie zwingen. Ich darf sie nicht fallen lassen. An dieser Kette hängt meine ganze kleine Welt. Alles, was ich kenne, alles, was ich liebe. Mein Herz ist ganz schwer vor Angst und Sehnsucht. Ich sehe kaum etwas, meine Gedanken kreisen. Mein Kopf schmerzt, mein Körper schmerzt, mein Herz schmerzt. Da ist so viel, was ich noch tun wollte, am anderen Ende der Kette. Ich kann nicht zurück. Ich kann nicht nach vorn. Plötzlich geht ein Ruck durch die Kettenglieder. Ich werde zurückgezerrt. Doch gerade als ich wieder Halt finde, schubst mich etwas nach vorn. Es ist ein kräftiger Stoß. Die Luft weicht aus meinen Lungen, die Tränen schießen mir in die Augen. Das Gewicht der Ketten bringt mich zum Taumeln. Ich stürze mit voller Wucht auf den Boden der Tatsachen. Die Rufe werden leiser, werden weniger. Die Stimme, die ich am meisten vermisse, spricht zu mir. Ganz leise. Es tut mir leid. Ich wünsche Dir von Herzen alles Glück der Welt. Dann drückende Stille. Ich spüre den vertrauten Blick nicht mehr. Einsamkeit kriecht in die Windungen meines Gehirns und lässt es auskühlen. Mein Blick wird starr und kalt. Dunkelheit legt sich über mich. Die Kette fest umschlungen weine ich, bis die Tränen die Kälte herausspülen. Meine Tränen fließen in einen See. Ich liege auf seiner schwarzen spiegelnden Oberfläche. Ich sehe mein Spiegelbild. Es lächelt mich an und greift zur Kette. Dann ein weiterer Ruck. Die Kette beginnt, zu sinken. Ich tauche durch mein Spiegelbild in den See. Da ist kein Halt. Da ist nur tief schwarzes Wasser und Dunkelheit. Ich bekomme keine Luft. Die Kette zieht mich immer tiefer in das schwarze Wasser. Wenn ich jetzt nicht loslasse, werde ich ertrinken. Ich entscheide mich für mich. Ich lasse die Kette los. Mit einem Mal wird mein Herz ganz leicht. Leichter und leichter. Ich beginne aufzusteigen. Schneller und schneller. Ich kann ein Licht an der Wasseroberfläche sehen. Schließlich katapultiert mich mein Herz durch die Oberfläche an einen sonnigen Strand. Da sind neue Stimmen, die lachen. Freundliche Gesichter, Menschen, die mir die Hände reichen. Ich spüre die Sonne und den warmen Wind auf mir. Die Luft ist rein und es fühlt sich so gut an, zu atmen. Ich bin frei. Noch einmal gehe ich ans Wasser und schaue nach meinem Spiegelbild. Es ist noch da, aber dieses Mal lächle ich ihm zu. Mein Herz ist leicht und frei. Ich kann überall hinfliegen, wo es mich hinbringen mag. Denn meine Liebe trage ich mit mir überall hin. Und wenn du mich vermisst, such mich da, wo Liebe ist. 

Liebste Grüße aus Bulgarien, Eure Anni :)